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«Wir wollten zeigen, dass die Landeskirche die Jugend ernst nimmt»

Mit dem Jugendfest Yay Refor-Motion-Day der reformierten Zürcher Landeskirche endete am Wochenende das Zürcher Reformationsjubiläum. Im Interview erklärt Projektleiter Jens van Harten, warum die Jugend das letzte Wort hatte.

Grossmünster und bei der Kirche St. Peter 2000 Besucher den Yay Refor-Motion-Day. Sind Sie mit dem Anlass zufrieden?
Sehr. Der grosse Ansturm hat mich überrascht. Wir hatten wahnsinniges Wetterglück. Besonders gefreut hat mich, dass über 300 Jugendliche als Helfer im Einsatz waren und rund 250 Kinder an einer Schnitzeljagd mitmachten.

Warum haben Sie sich als Abschluss des Reformationsjubiläums für ein Jugendfestival entschieden?
Wir wollten zum Schluss nicht mehr zurück, sondern vorwärts blicken. Es war dementsprechend logisch, dass wir dabei die Jugend unter dem Dach der Zürcher Landeskirche zu Wort kommen lassen. Nur wer sie miteinbezieht und ihr Gestaltungsraum bietet, hat als Kirche eine Zukunft.

Wie haben die Jugendlichen diese Möglichkeit genutzt?
Es fanden zahlreiche Workshops statt. So wurde zum Beispiel die Zürcher Bibel in die Jugendsprache übersetzt, Gospel gesungen und zusammen mit der Klimajugend-Bewegung über den Klimawandel diskutiert.

Diente das Fest der Nachwuchspflege der Zürcher Landeskirche?
Wir wollten zeigen, dass die reformierte Landeskirche jugendfreundlich ist und die Jugend ernst nimmt. Es sollte aber keine PR-Veranstaltung mit missionarischem Charakter werden.

Gab es seitens der Jugendverbände Berührungsängste?
Zu Beginn waren die Rückmeldungen tatsächlich etwas zaghaft. So fragten sich die Organisatoren des Klima-Schul-Streiks, ob sie durch die Teilnahme nicht von der Kirche vereinnahmt werden. Wir konnten die Bedenken aber zerstreuen, in dem wir allen, die mitmachen wollten, thematisch keine engen Rahmen gesteckt haben. Sie konnten frei wählen, wie sie sich präsentieren und was sie anbieten wollten.

Im Vorfeld der Veranstaltung mussten die Jugendverbände, die mitmachen wollten, eine Charta der christlichen Kinder- und Jugendarbeit unterzeichnen. Gab es Widerstände?
Nein, zum Glück nicht. In der Charta ist unter anderem festgehalten, dass bei der Arbeit mit Jugendlichen nicht nur der Glaube thematisiert wird, sondern auch soziale Kompetenzen und die Entwicklung der Persönlichkeit gefördert werden sollen. Das kam gut an. Alle, die mitmachen wollten, haben sie unterzeichnet.

Was war für Sie rückblickend das Highlight des Jugendfestes?
Es gab viele, ein einzelnes möchte ich nicht herausheben. Das Jugendfest hat in mir die Hoffnung gestärkt, dass die reformierte Kirche bei der Arbeit mit Jugendlichen grosses Potenzial hat, das sie noch nicht ausgeschöpft hat. Wichtig ist, dass man dabei nicht anbiedernd auf die Jugendlichen zugeht, sondern animierende und partizipative Jugendarbeit leistet.

Jens van Harten ist zuständig für den Bereich Jugend der Abteilung Kirchenentwicklung der reformierten Kirche des Kantons Zürich. Er war der Projektleiter von «Yay Refor-Motion-Day».

Grabenkämpfe um die Ehe für alle

Nachdem reformierte Pfarrpersonen mit einem Manifest gegen die Ehe für alle für Aufsehen gesorgt haben, ziehen die Befürworter innerhalb der Kirche nun ihrerseits mit einer Erklärung nach. Damit nimmt die Debatte kurz vor der Abstimmung im Kirchenbund an Fahrt auf.

Die Fronten bei der Ehe für alle haben sich in der reformierten Kirche formiert. Wenige Tage vor der Abstimmung in der Abgeordnetenversammlung (AV) des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes am 5. November kursieren mehrere Schreiben, die zum Thema Stellung beziehen.

So etwa eine Erklärung mit dem Titel «Habt ihr nicht gelesen …?», in der es heisst, die Ehe für homosexuelle Menschen zu öffnen sei nichts anderes als ein «Segen ohne Segenzusage Gottes» – und das komme einem «Missbrauch» von Gottes Namen gleich (ref.ch berichtete).

Eine Woche nach der Publikation am 22. Oktober ist die Erklärung von 156 Pfarrern und 26 Pfarrerinnen mehrheitlich aus den Kantonen Aargau, St. Gallen, Thurgau und Zürich unterschrieben worden.

«Papier kann nicht unwidersprochen bleiben»

Eine ganz andere Position bezieht das Manifest «Die Liebe hat den langen Atem», das am 29. Oktober publiziert wurde. «Ausgehend von einer Maxime der Liebe Gottes darf für die Kirche keine menschliche Erkenntnis – auch keine theologische oder exegetische – je Grund sein, zwei liebenden, mündigen Menschen den Segenszuspruch zu verweigern», heisst es im Schreiben.

Einer der Mitverfasser des Manifestes, das sich als direkte Replik auf «Habt ihr nicht gelesen …?» versteht, ist der Zürcher Pfarrer Michael Wiesmann. «Ein Papier, das für sich ein theologisches Monopol beansprucht, kann in einer pluralistischen Kirche nicht unwidersprochen bleiben», sagt er.

Lese man die Schrift gegen die Ehe für alle durch, entstehe der Eindruck, dass die Verfasser vergessen hätten, «wo Gott hockt und wo wir Menschen». Als Mensch sich anzumassen, im Namen Gottes zu sagen, was er nicht segnen könne, sei schon sehr gewagt. Deshalb sei wohl ihr eigenes Schreiben auf grosses Wohlwollen gestossen. Innerhalb von 24 Stunden hätten es gut 80 Pfarrerinnen und Pfarrer unterzeichnet.

«Auf Kosten der Mitmenschlichkeit»

Einen offenen Brief verfasste auch Pfarrer Matthijs van Zwieten de Blom. Diesen schickte er direkt an die Abgeordneten des Kirchenbundes und publizierte ihn in Social Media. «Ich bin erschrocken über die Schrift ‹Habt ihr nicht gelesen …?›», sagt van Zwieten de Blom.

Besonders stossend sei, dass allen Pfarrerinnen, die Homo­sexuelle segnen wollten, der Glaube und die Treue zur Bibel abgesprochen werde. «Die Bibeltreue der Gegner geht hingegen klar auf Kosten der Mitmenschlichkeit», so van Zwieten de Blom. Mit dieser Meinung sei er offenbar nicht allein. Noch nie habe er für einen Beitrag auf Facebook in so kurzer Zeit so viele Likes erhalten.

Wird die Debatte aufgeschoben?

Welche Seite sich schliesslich durchsetzen kann, wird sich an der AV kommende Woche zeigen – oder vielleicht auch erst viel später. Denn laut Kennern der Kirchenlandschaft könnten die welschen Abgeordneten eine Verschiebung des Entscheids beantragen. Dies weil in einigen westschweizer Kirchen die Debatte über die Ehe für alle noch nicht abschliessend geführt worden ist.

Auf der Spur von Zürichs letzter Äbtissin

Mit beinahe detektivischem Geschick haben vier Frauen das Leben von Katharina von Zimmern aufgearbeitet. Ihr Buch wirft nicht nur ein neues Licht auf die letzte Äbtissin des Zürcher Fraumünsters, sondern auch auf die Reformation.

Der Auftritt ist eindrücklich: In vollem Ornat platzt Katharina von Zimmern, die Äbtissin des Zürcher Fraumünsters, mitten hinein in die Disputation von Huldrych Zwingli und dessen katholischen Kontrahenten. Später übergibt sie, mit einer ebenso grossen Geste, die Schlüssel ihres Stiftes an die Stadt und verpasst damit der Reformation wie dem Schicksal Zwinglis den entscheidenden Dreh.

Diese beiden Szenen aus dem Film-Hit Zwingli dürften für viele Schweizerinnen und Schweizer das einzige sein, was sie je von Katharina von Zimmern gesehen oder gehört haben. Denn obwohl die letzte Äbtissin des Fraumünsters die Auflösung der Klöster einleitete und damit die Reformation entscheidend prägte, ist sie in der breiten Öffentlichkeit bisher kaum thematisiert worden. Fakten über ihr Leben sind nur wenige bekannt.

Auf Spurensuche

Zu wenige, finden Irene Gysel und Jeanne Pestalozzi. Die beiden ehemaligen Zürcher Kirchenrätinnen beschäftigen sich seit Jahren mit der Äbtissin: Pestalozzi ist unter anderem Präsidentin des Vereins Katharina von Zimmern, der 2004 einen Erinnerungsort im Hof des Fraumünsters eingerichtet hat. Gysel wiederum hat bereits 1999 ein erstes Buch zu von Zimmern mit herausgegeben.

Nun haben sich die beiden mit der Historikerin Christine Christ-von Wedel und der Handschriftenkonservatorin Marlis Stähli zusammengetan, um das Leben der historischen Figur weiter zu erforschen.

Die vier Frauen stöberten in Archiven zwischen Solothurn und Karlsruhe, lasen, fotografierten und übersetzten tausende Dokumente, interpretierten neue und alte Quellen und setzten Details in einen grösseren Zusammenhang. «Unsere Arbeit glich einem Puzzle. Wir fügten viele einzelne Informationen zu einem Bild zusammen, das immer mehr Konturen annahm», sagt denn auch Jeanne Pestalozzi in einem Interview in der aktuellen Ausgabe des bref-Magazins.

Belege für eine heimliche Schwangerschaft

Entstanden ist durch diese Detektivarbeit das Buch Die Äbtissin, der Söldnerführer und ihre Töchter. Es ermöglicht einen neuen Blick auf die Reformationsgeschichte, die auch nach 500 Jahren vorwiegend aus der Sicht von Männern erzählt wird.

Der Vater soll Eberhard von Reischach gewesen sein, den Katharina kurz nach dem Weggang aus dem Stift heiratete. «So dramatisch das klingt – tatsächlich wurde das unter Historikern schon zuvor vermutet», sagt Christine Christ-von Wedel dem bref-Magazin. «Nach der Auswertung der weiteren Quellen würde ich sagen, wir können uns dessen zu neunzig Prozent sicher sein.»

Eine Frau mit Grandezza?

Trotz der akribischen Recherche bleibt jedoch weiterhin vieles im Dunkeln. Wo die uneheliche Tochter aufgewachsen sein könnte, darüber kann Christ-von Wedel nur spekulieren. Ebenso wenig lassen sich die genauen Motive, die Katharina von Zimmern für die Übergabe des Fraumünsters hatte, mit hundertprozentiger Sicherheit festlegen. Und ob sie über die Grandezza verfügte, die Zwingli-Regisseur Stefan Haupt ihr zuschrieb, das muss weiterhin der Fantasie überlassen bleiben. (vbu)

Das ganze Interview lesen Sie in bref, dem Magazin der Reformierten, Ausgabe 18.